• 10 Fragen an OMR Dr. Rudolf Hainz

    Weshalb sind Sie Allgemeinmediziner geworden?
    Aus persönlichem Interesse. Haus- und Familienarzt zu sein, hat mich nach dem Studium besonders angesprochen.

    Was macht Ihrer Meinung nach einen guten Hausarzt aus?
    Ein guter Hausarzt hat Freude am Beruf und mag Menschen. Er handelt verantwortungsvoll und bildet sich laufend fort. Er hat ein gutes Vertrauensverhältnis zu seinen Patienten und kennt meist die ganze Familie und deren Lebensumstände. Sein offenes Ohr für die Sorgen und Anliegen der Patienten, die persönliche Anteilnahme und die individuelle Betreuung sind etwas, das in nüchternen Großzentren oder Ambulatorien nur schwer möglich ist. 

    Brauchen die Menschen in der heutigen Zeit überhaupt noch den Hausarzt?
    Mehr denn je. Wo sollen die Patienten hin, wenn sie bei Fachärzten erst Termine in Wochen bekommen und von den Spitalsambulanzen abgewiesen werden? Wer würde die Visiten und die Hauskrankenbetreuung bettlägeriger Menschen übernehmen?
    Der Hausarzt ist Berater und Betreuer in allen Lebensphasen, Unterstützer, Helfer und Motivator. Er ist Informationsdrehscheibe, Allrounder und Koordinator mit den Fachärzten, Spitälern, dem Fond Soziales Wien, und den Mobilen Diensten.

    Was hat der Hausarzt für Herausforderungen?
    Medizinische Herausforderungen sind nicht das Problem, denn wir haben gelernt damit umzugehen. Was uns bei der Arbeit stört sind vor allem die bürokatischen Auswüchse bei administrativen Belangen. Die verantwortlichen Stellen im Gesundheitswesen sorgen für immer mehr bürokratischen Nonsens, der die Zeit für Patienten massiv reduziert. Entscheidungsträger, die keine Ahnung vom Praxis-Alltag und den Sorgen der Patienten haben, bestimmen, wie wir arbeiten müssen. So wurden zum Beispiel die ABS- Bewilligungen in die Praxen ausgelagert und der direkte Frust unserer Patienten, wenn Chefärzte etwas nicht genehmigen, bekommt nun das Praxis-Team ab. Viele dieser anonymen Entscheidungen sind nicht nachvollziehbar und es fällt unseren Patienten schwer, eine wichtige medizinische Entscheidung "ausgerichtet" zu bekommen. Unser Personal ist dann oft unnötigen Aggressionen und Forderungen von Seiten der Patienten ausgesetzt, die sich sehr belastend auswirken. Hinzu kommt die EDV- Abhängigkeit. Funktioniert etwas im System nicht, können wir nur zusperren, weil wir ja selbst bei einer Überweisung überprüfen müssen, ob und wo der Patient versichert ist. Früher waren wir zu viert in der Praxis und jetzt sind wir insgesamt 6 Personen. Der EKO (Erstattungskodex-Heilmittelverzeichnis) ist zum Spießrutenlauf geworden. Viele Medikamente werden in Österreich auch aus Kostengründen einfach vom Markt genommen, monatlich kommen neue Generikas dazu. Wir müssen die Medikamente unserer Patienten immer wieder umstellen, was dann oft zu einer Verunsicherung und einem weiteren Zeitaufwand führt.

    Ein weiterer Unsinn: Die Patienten werden meist völlig unbegründet im Spital auf andere Medikamente umgestellt. Oft mit genehmigungspflichtigen Medikamenten, die im Nachhinein über den Hausarzt chefärztlich bewilligt werden sollten, weil sich das Krankenhaus davor drückt. Werden die verordneten Medikamente dann vom Chefarzt nicht genehmigt, wird das Schlammassel noch größer. Wie so oft nützen Spitäler jede Gelegenheit die Arbeit an den Hausarzt abzuwälzen. Wir ersuchen seit langem um einen besseren Informationsaustausch und eine wertschätzende Zusammenarbeit.

    ELGA- die Elektronische Gesundheitsakte ist schon angelaufen. Weshalb wehren sich die Ärzte so dagegen?
    Weil vieles davon noch unsicher, unausgereift und besonders bei den Befundberichten völlig unübersichtlich ist. Hier wird der administrative Aufwand so enorm, dass wir noch weniger Zeit für den Patienten haben werden. Für die Menschen, die unsere Hilfestellung und Zuwendung suchen.

    Apropos Zeit… Wie viel Zeit haben Sie für Ihre Patienten?
    Zeit ist ein relativer Begriff. Manche Patienten kommen nur zur Kontrolle oder zu einer Injektion, andere haben komplexere Probleme. Ich glaube, es geht hier nicht um Minuten sondern um verantwortungsvolles Handeln und um Menschlichkeit.  Für Menschen, die sich einsam, traurig und mitunter verbittert fühlen, würden oft Stunden nicht ausreichen. Die können wir beraten, trösten und an entsprechende Therapeuten oder Lebensberater schicken, damit dort gemeinsam mit ihnen Möglichkeiten für ein lebenswertes Leben gefunden werden. Derzeit gibt es aber gerade in diesem Bereich viel zu wenige Kassenleistungen und Termine in ein paar Monaten.
    Da ist noch etwas: Wir Ärzte haben in unserer Ausbildung gelernt Ratschläge zu geben. Das bringt gerade hier in den wenigsten Fällen etwas, denn daraus entstehen nur Rechtfertigungen. Viel wichtiger wäre es auch sich selbst die richtigen Fragen zu stellen, damit jeder ganz bewusst seine passenden Antworten finden kann.

    Sie sind schon viele Jahre Standespolitiker in der Ärztekammer. Weshalb?
    Damals ging ich naiver Weise davon aus, Politiker vertreten die Interessen der Menschen. Man bräuchte sie nur auf Missstände aufmerksam machen und sie würden diese dann abstellen. Als ich merkte, wie es in der großen Politik wirklich abläuft, begann ich mich in der Ärztekammer für die Interessen der Patienten und Ärzte einzusetzen. Seit damals ist das ein Teil meines Lebens geworden.

    Wieviel Zeit bleibt da noch für Ihre Praxis und Ihre Familie und weshalb tun Sie das?
    Das ist Einteilungssache. Viele Sitzungen sind abends. Wenn ich untertags  nicht da bin, vertritt mich Frau Dr. Byrne. Bei Fortbildungen oder Kurzurlauben vertreten wir uns gegenseitig. Auch wenn der Beruf des Arztes zu den familienfeindlichsten gehört: Meine Frau und ich sind seit 38 Jahren glücklich verheiratet. Bestimmt auch, weil jeder von uns seine Eigenständigkeit bewahrt hat und wir auf gleicher Augenhöhe miteinander umgehen.

    Würden Sie heute auch noch Hausarzt werden?
    Grundsätzlich JA, doch nicht mehr unter diesen Bedingungen. Diese Meinung vertreten auch die vielen Jungmediziner, die ins Ausland abwandern. Da sollte sich unsere Bundespolitik schnell etwas Kluges einfallen lassen!

    Wie lange möchten Sie noch Ihren Beruf ausüben?
    Ich fühle mich  fit und gesund und möchte gerne noch ein paar Jahre ärztlich tätig sein. Die größte Motivation dazu geben mir die vielen netten und zufriedenen Patienten und mein hervorragendes Team. 

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